Erziehung führt nach nirgendwo…

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„Sein auf dem Balkon oder nicht sein auf dem Balkon, das ist hier die Frage!“

Ein unter Katzenneulingen gemeinhin bekanner Irrtum ist jener, dass man sich sein Tierchen in gewisser Weise erziehen könne.

Freilich nicht wie einen Hund; wenn es je den Versuch gegeben hatte eine Katzenschule zu eröffnen, so wurde dieser mit Sicherheit durch konsequente Ignoranz seitens der Katzen im Keim erstickt.

Wobei Ausnahmen ja bekanntlich die Regel bestätigen, es gibt Klickertraining auch für Katzen. Und Leute, die damit erfolgreich sind. Denn Katzen sind ja nicht doof, sie haben nur keine Lust sich erziehen zu lassen. Genauso wie Frauen, aber das ist eine andere Geschichte.

Die wahnsinnige WG sieht das ähnlich. Um ihre Dosenöffner aber nicht zu enttäuschen und bei Laune zu halten, tun sie tatsächlich hin und wieder, was man von ihnen möchte. Freilich nur wenn man hinguckt.

Als eine recht bewährte Erziehungsmethode hat sich die Sprühflasche erwiesen. Tut die Katze etwas das man nicht möchte, ruft man laut „Nein!“ und besprüht sie gleichzeitig mit Wasser. Hat man Glück ist die Katze wasserscheu und es braucht nur einige wenige Anläufe, bis die Katze schon beim Anblick der Flasche das Weite sucht. Vorbildlich haben sich hier Finn und Finchen hervorgetan. Was sie aber nicht davon abhält das von mir unerwünschte Verhalten eben dann an den Tag zu legen, wenn ich nicht da bin (oder wenn sie meinen ich würde es nicht sehen).

Wenn man Pech hat, hat man ein Exemplar der Gattung „Tabea“. Folgende Situation: Ich befinde mich in der Küche und die Katze schickt sich an, auf die Anrichte zu springen und aus der Spüle zu trinken. Ich spritze sie nass und rufe „Nein!“. Sie verlässt tatsächlich die Anrichte nach 2-3 Spritzern,  natürlich nicht ohne zu meckern. Ganz anders verhält es sich, wenn auf der Spüle ein Teller steht, auf dem sich Essensreste befinden. Tabea springt auf die Anrichte und beginnt zu schlecken. Ich rufe „Nein! NEIN TABEA!“, und betätige mehrmals hintereinander die Sprühflasche. Da ich gerade beim Frühstück sitze und nicht gewillt bin aufzustehen und die Katze persönlich von der Spüle zu heben hoffe ich, dass ihr die Nässe irgendwann zuwider wird und sie die Küche freiwillig verlässt. Nix. Die Katze ist triefend nass und schleckt genüsslich weiter, bis ich entnervt aufspringe. Und als ich bei ihr bin und sie mir gerade greifen will springt sie von der Anrichte und verschwindet aus der Küche.

Wobei sich mir hier ein Gedanke aufdrängt: „Erziehung führt nach nirgendwo“ gilt nur für den Erziehungsversuch der Katze durch den Menschen.

Im anderen Fall ist es genau umgekehrt; versucht die Katze den Menschen zu erziehen, ist das durchaus von Erfolg gekrönt. Als Beweis dienen hier folgende Beispiele:

Der Klassiker: „Lass mich raus – ach nee, doch nicht! Oder?“ Finn beherrschte das Spiel perfekt: Der Kater  sitzt an der Balkontür und miaut. Ich gehe vorbei. Der Kater miaut abermals und schaut hoch zum Balkontürengriff.

„Nein, du kommst ja doch gleich wieder rein.“

„Miau?“ (ich weiß nicht wie die das machen, aber Katzen können fragend miauen, wirklich)

„Nein.“

„MIIIAAAAAAAAAAUUU!?“

„Grmpf…..“

Balkontür auf, Kater raus, Balkontür zu.

Er sitzt draussen und guckt. Erst in die Landschaft und dann zur Balkontür. Er steht auf, kommt näher zur Tür uns setzt sich wieder. Ich ignoriere das Spiel und gehe meinem Tagewerk nach. Als ich einige Minuten später aufblicke, sitzt er ganz nah an der Tür und guckt mich treuherzig an (mein Gott, die sind aber auch gut darin!). Ich mache die Tür auf. Der Kater bleibt sitzen und guckt mich jetzt verständnislos an. Als ich die Tür wieder schließen will steht er auf und kommt auf mich zu. Dann er bleibt stehen. Mitten auf der Türschwelle.

Er guckt.

Ich gucke.

„Rein oder raus?“

Er setzt sich und beginnt, sich seine Vorderpfote zu lecken.

„FINN!“ rufe ich streng.

Der erhabene Kater erhebt sich und schlendert mit aller Gelassenheit die er aufzubringen in der Lage ist erhobenen Hauptes und aufgestellten Schwanzes zur Tür hinein. Ich kann gar nicht zählen, wie oft er dieses Spielchen mit mir gespielt hat aber eines kann ich mit Sicherheit sagen: Er hat es immer wieder gewonnen. Somit führt die Erziehung des Menschen durch die Katze durchaus irgendwohin.

 

Ein weiteres schönes Spiel heißt „Gib mir mein Fressen – sofort“. Es ist 6 Uhr abends. Den ganzen Tag über hat man von den Katzen nicht viel gesehen.

Ich sitze auf der Couch, so wie jetzt, und bin mit irgendetwas beschäftigt. Da kommt Reddy um die Ecke weil sie weiß, dass es gegen 7 Uhr Futter gibt. Sie setzt sich in einiger Entfernung von mir auf den Boden, Blickrichtung zu mir. Sie schaut mich eine Zeit lang an und öffnet dann das Mäulchen, zuerst noch ohne Ton. Es folgt ein zartes „Mä“. Sie wartet auf meine Reaktion. Ich ignoriere sie mit einem Lächeln.

Nach und nach drapieren sich auch die anderen Katzen in meiner Nähe, immer in Sichtweite. Sie setzen sich hin und starren mich an. Jede kleinste Bewegung wird registriert. Reddys Tonfall wird deutlicher: „Määäähhhhh….“; sie hört sich an wie ein Flugzeug beim landen. Ich ignoriere sie weiterhin und die Katze schaltet auf Dauerbetrieb: „Määaauu, määaauu, määaau, määaau, määaau, määaau……..“

„Mi?“ fragt Tom und setzt sich auf. „Brrrrrrrp!“ Finchen stimmt also zu. Ab jetzt gehts rund: „Määaauu, määaauu“, „Brrrrrrrp, brrrrrrrp“, „Mi? Miau. MIAU“ „Määääh-äääääh!“

Gill äußert sich nicht dazu. Sie beobachtet das Treiben aufmerksam und lässt die anderen für sich arbeiten. Dafür versucht sie mit „unlaublich-süss-aussehen“ zu punkten. Was ihr gelingt; aber ich sage es ihr nicht, sonst spielt sie diese Karte öfter aus.

Ich muss dringend zur Toilette, traue mich aber nicht aufzustehen, weil ich augenblicklich von einer schreienden Katzenmeute verfolgt werde. „Das liegt daran, dass du sie immer zur gleichen Zeit fütterst. In der Natur kommt die Beute auch nicht Punkt 7 der Katze vors Maul gelaufen und sagt: Abendessenzeit, friss mich. Du solltest die Katzen zu vollkommen unterschiedlichen Zeiten füttern, damit sie sich nicht so an die Zeiten gewöhnen.“ Mein Angetrauter hat wie immer recht.

In den folgenden Wochen habe ich die Katzen zu vollkommen unterschiedlichen Zeiten gefüttert; mal halb 6, mal um 7, mal 9 Uhr abends oder noch später. KON-SE-QUENT! Das Ergebnis?  Es ist halb 6 Uhr abends. Reddy kommt um die Ecke weil sie weiß, dass es irgendwann um diese Zeit schon einmal Futter gab. „Mä“.

 

Mich beschleicht das Gefühl, sie haben mich ganz gut im Griff. Es ist nämlich qietschegal, WANN ich die Katzen füttere. Spätestens um 6 Uhr geht die Belagerung los. Unter einsetzendem Miauen (das zudem immer lauter wird) habe ich jetzt die Wahl: rücke ich das Futter sofort raus und genieße für den Rest des Abends eine himmlische Ruhe oder treibe ich das „Futter gibts später“-Spielchen auf die Spitze und kann mich dafür den ganzen Abend nicht mal mehr am Kopf kratzen, ohne dass mich eine hungrige Katzenmeute anspringt. Ich denke hier haben die Katzen ihren Erziehungsauftrag ein weiteres mal erfüllt.

Vielleicht bin ich auch einfach untalentiert; mein Angetrauter warf mir unlängst einen zu seichten Umgang mit den Tieren vor. „Das sind Katzen, die machen mit dir was sie wollen, wenn du sie nicht zügelst.“ Ich habe beschlossen, demnächst das Klickertraining-Buch nochmal hervorzukramen, das er mir für die wahnsinnige WG geschenkt hat…