Abschied

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Der erhabene Kater Finn war nach seiner unfreiwilligen, 6-tägigen Haft im Nachbarhaus wieder etwas zugänglicher geworden. Und trotzdem war er nicht mehr die Katze, die er war, als er bei uns einzog. Eine Bekannte, die sich mit Tierkommunikation beschäftigt (ja, sowas gibt es wirklich!) sagte mir, Finn brauche sehr viel Liebe. Nun gut, das brauchen Mensch und Tier ja immer, aber als gewissenhafte Katzenmama gebe ich natürlich alles: Der erhabene Kater hat ein Lieblingsplätzchen in unserem neuen Haus: ein kleines Körbchen unter der Ofenbank, mit Blick auf die Couch. Von hier aus betrachtet der finstere Finn oft kritisch seine Umgebung. Wenn man ihn anspricht, reagiert er gar nicht oder schließt die Augen. Mit einem aufmunternden „Komm Finn, komm!“ ist da nichts zu machen. Also kommt der Berg zum Propheten: Ich lege mich auf den Fußboden neben den Katzenkorb, streichle den Kater und rede auf ihn ein: Ich sage ihm, dass er hier noch immer der Chef ist, dass wir ihn lieben, dass er ein wunderschöner Kater ist, dass wir froh sind, ihn zu haben. Ich rede mit Finn wie mit einem Menschen.

Wochenlang liege ich fast jeden Abend eine gute Stunde auf dem Fußboden und schmiere dem Kater Honig ums Maul. Und das Beste: es funktioniert! Finn taut mehr und mehr auf und beginnt sogar zu schnurren, wenn ich mit ihm rede. Er sucht immer öfter unsere Nähe, ohne jedoch an Würde und Erhabenheit ein zu büßen! Nach 3 Monaten war er wieder so aufgeschlossen zu uns, wie als kleines Katerchen.

Etwa in dieser Zeit machte ich einen Reiki-Kurs. Da man sich auch selbst mit Reiki behandeln kann wurde angeraten, erst einmal an sich zu üben, um ein Gefühl für diese Methode der energetischen Heilung zu entwickeln. Ich bin im Badezimmer gerade mit Feuereifer und größter Konzentration dabei, Energien fleißen zu lassen, als Finn lautstark Einlass begehrt. Er lässt mir keine Ruhe und so lasse ich den Kater herein. Ich konzentriere mich wieder, er streicht mir um die Beine. Ich reagiere nicht, er schubst mich mit dem Köpfchen. Ich sage „Nein, Finn“, er schubst schwungvoller und mehrmals hintereinander. Ich öffne die Augen, er schnurrt. Ich gebe mich geschlagen. „Was soll’s, dann übe ich halt morgen weiter…“. Finn springt auf den Rand des Waschbeckens, setzt sich und guckt mich an. Ich setze mich daneben auf den Wannenrand und umarme meinen wunderschönen Schwarzpelz. Er schmiegt seinen Kopf an meinen Hals und schnurrt unentwegt. Ich halte ihn ganz fest und rede mit ihm. Er reibt seine Wangen an meinem Hals, gibt mir Köpfchen und schnurrt immer lauter. Finn hat so ein wunderbar weiches, glattes, glänzendes Fell und er riecht so gut! Ich vergrabe meine Nase in seinem Pelz und spüre seine Weichheit an meinen Wangen; dieses Gefühl ist unbeschreiblich schön! Minutenlang sitzen wir so da. Diese Verbindung zu meinem geliebten Kater ist so intensiv, so innig…

Zwei Tage später bekomme ich während der Arbeit eine SMS von meinem Angetrauten: Unser Finn ist tot. Dieser eine Moment war wie eine riesige Glaskugel die zerspringt, plötzlich liegt alles in Scherben! Eine Nachbarin fand ihn in ihrem Garten. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch keine Katzenklappe; wir entschieden morgens, ob das Wetter gut genug war, um die Meute in die Freiheit zu entlassen. Der Morgen war nass-neblig und nach kurzem Zögern entschieden wir uns doch dafür, die Katzen rauszulassen.

Ich knie neben meinem toten Kater, der inzwischen in meinem Meditationszimmer liegt und kann nicht mehr aufhören zu weinen. Was, wenn ich ihn einfach morgens drin behalten hätte? Dann würde er noch leben! Was ist überhaupt passiert? Er sieht so friedlich aus… Es hat keinen Sinn, das wie und warum wieder und wieder furchzuspielen; vor 5 Stunden war er das blühende Leben und jetzt ist er tot! Ich streichle ihn und denke immer wieder an diesen innigen, intensiven Moment vor zwei Tagen, in dem ich den kleinen Finn umarmt habe, denke an sein Schnurren, sein weiches Fell… In einen Monat wäre er 5 Jahre alt geworden.

Wir haben unseren Finn an der Hecke im Garten beerdigt; ein schwarzer Schiefer in Katzenform ziert sein Grab. 1 1/2 Jahre lang ging ich jeden Abend, bei Wind und Wetter und egal wie spät es war nach unten in den Garten und zündete unserem Finn ein Licht an, damit ich ihn in der Nacht sehen konnte. Und auch heute noch schaue ich jeden Morgen und jeden Abend aus dem Fenster und begrüße ihn oder wünsche ihm eine gute Nacht.

Ich bin unglaublich froh darüber, dass ich mit meinem Kater diesen unglaublich tollen Moment im Badezimmer hatte und mich auf sein schubsen und schnurren einlies. Diesen Augenblick nimmt mir keiner mehr, er hat mich sehr getröstet und tut es noch!

Ja, man kann zu einem Tier eine sehr enge Beziehung haben und der Verlust kann genauso schmerzen, wie der Verlust eines geliebten Menschen. Aber das verstehen vermutlich nur die Tierfreunde…

Veröffentlicht von

rommyscats

Fünf bekloppte Katzen und eine verheiratete, vergessliche Dosenöffnerin Mitte 30 bloggen alle Unmöglichkeiten aus ihrem (Zusammen)Leben. Die Normalität versucht uns immer wieder einzuholen - aber wir sind schneller!

9 Gedanken zu „Abschied“

  1. Wir haben Tränen in Augen, während wir deine Erinnerung lesen. Es schmerzt immer so, so viel… Mit Zeit kann den Schmerz leichter werden, und die lustige und glückliche Erinnerungen stärker als Schmerz sein. Schnurr

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    1. Deshalb bin ich überglücklich, dass ich mir die Zeit für den schnurrenden, schubsenden Kater genommen habe. 🙂
      Ich freue mich, dass meine Zeilen euch erreicht haben, es ist schön wenn man weiß, dass jemand mitfühlt! Schnurr

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  2. Es schmerzt immer wenn man sich von einem FreundIn verabschieden muss, auch wenn er/sie vier Pfoten und eine Menge Haare hat. Wir haben uns vor anderthalb Jahre kurz nacheinander von unseren beiden pfelzigen Familienmitglieder verabschieden mussen und ich vermisse sie immer noch. Es sind aber schliesslich die schönen Momenten die man sich erinnert.

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    1. Ja, so ein kleiner pelziger Freund wächst einem schon sehr ans Herz! Habt ihr im Tierheim zwei andere Pelz-Seelchen adoptiert?
      Das war z.B. für mich der Sinn von Finns Tod: eine Chance für Reddy. Diese kleine, dicke, verängstigte Katze mit dem stumpfen Fell wollte niemand haben – genau deshalb wollte ich ihr ein neues Zuhause geben. Sie macht sich prächtig, die Angst wird immer weniger. 🙂

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    2. Noch nicht. Weil unsere Eltern in Holland und Deutschland wohnen und wir regelmässig hin un her reisen, keinen Katzensitter haben und mein Mann ausserdem im Moment seine Katzenallergiemedikamente nicht braucht, haben wir uns entschieden noch zu warten. Aber es ist sehr schön so einen Pelz-Seelchen zu adoptieren! Gib eure Reddy bitte einen Streicheleinheit von mir 🙂

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  3. Diesen Moment kann Dir niemand nehmen und an dieses Gefühl wirst Du Dich Dein ganzes Leben erinnern. Es sind diese Erinnerungen und Momente, die einen den Verlust und den Schmerz dann irgendwie überstehen lassen, wenn die geliebten Fellnasen schon einmal vorgehen. ❤

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