Was macht er denn da oben?

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Ein Sommertag. Samstags nachmittags gegen 15.30 Uhr gehe ich am Panoramafenster im Esszimmer vorbei. Aus dem Augenwinkel erkenne ich, wie etwas Schwarzes wie ein geölter Blitz auf den Baum in Nachbars Garten jagt. Es ist unser Finn. Nachbars Baum hat einen kerzengeraden Stamm und ist etwa 6 Meter hoch. Es handelt sich hier um einen Nadelbaum, an dessen Stamm nicht ein Ästchen wächst, an denen Kater sich hätte festhalten können. Der Baum hat eine weit ausladende Baumkrone mit sehr dichten Ästen die sich nach oben in Richtung Himmel biegen und deren Nadeln und Tannenzapfen ebenfalls nach oben gerichtet sind.

„Na, ob er da wieder runter kommt?“ denke ich und gehe meinen Tagesgeschäften nach. Den Kater habe ich darüber ganz vergessen. Bis abends um 7 Uhr – Fütterungszeit. „Hmmmmnjamnjamnjamnjam…., Fiiiiihiiiiiinn, Toooooohooooom, Tabeeeeeeaaaaaaa, kommt! Feiiiiiiiines Fresserle! Hmmmmmmmmm!!!!!!“ Die ganze Nachbarschaft weiß inzwischen wie unsere Katzen heißen und wann Fütterungszeit ist. Mein Angetrauter findet, ich rufe zu laut. Ich finde, die Katzen sollten mich im nahegelegenen Wald noch hören können. „MIAAAAAUUUUUUU!!!!!! MAAAAAAUUUUUUUU!!!!!! MIIIIIIIIAAAAAAAAUUUUUUUU!!!!“ Das kommt doch aus dem Baum!? Die anderen verfressenen WG-Mitglieder haben sich natürlich umgehend – dank meines unnachahmlichen Lockrufes – zur Fütterung eingefunden. Nur Finn bleibt verschwunden. „MAAAAAAAAAUUUUUUUU!!!!!“ Das KOMMT aus dem Baum!

„Finn?“

„Mau.“

„Fiiihiiiiin!“

„Miiiiiauuuuuu.“

Klarer Fall. Der erhabene Kater hockt im Baum und kommt da von allein nicht mehr runter. Wie kommen wir denn jetzt an die Katze? Die eheliche Beratschlagung zur Auflösung der vorliegenden Krisensituation sieht vor, daß die Leiter aus der Garage zu holen ist.

An dieser Stelle ist ein kleiner Exkurs in Nachbars Garten vonnöten, um dem Leser die Verzwicktheit der Situation veranschaulichen zu können. Das Nachbargrundstück ist derzeit unbewohnt. Der Enkel des ehemaligen Besitzers steht erst am Anfang seiner Aufräumarbeiten was zur Folge hat, das rund um den Baumstamm ein ehemaliger Hundezwinger steht. Oder anders ausgedrückt: Der Baum wächst im Hundezwinger. Rundherum befinden sich ein -wenn auch schon etwas verbogener aber dennoch stabiler- Drahtzaun, eine verschlossene Gartentür aus Metall und ein ehemaliges Freilaufgehege mitsamt einer Hundehütte. Der ehemalige Besitzer hatte seinerzeit eine Schäferhunde-Zucht und der Nadelbaum war sozusagen deren grüner Mittelpunkt. Wie man es auch dreht und wendet: Man kann mit der Leiter unmöglich bis zum Baumstamm vordringen, um sie dort anzulegen.

Da unser Nachbar just an diesem Tag an Großvaters Häuschen nach dem rechten sah, baten wir ihn um die Erlaubnis, uns mitsamt der Leiter an seinem Baum zu schaffen machen zu dürfen. Natürlich hatte er nichts dagegen, zumal es sich hier um einen Katzen-Notfall handelte. Wir schleppten also die 3-fach ausziehbare Leiter (Gesamtlänge: 6 Meter) ins Hundefreilaufgehege und stellten sie an einen der größeren Ästen der Baumkrone an. Da ich recht schmerzfrei bin und keine Höhenangst habe, kletterte ich auf die mäßig stabile Leiter, die unten von meinem Angetrauten und unserem Nachbarn gesichert wurde. Mann, diese Äste sind aber auch dicht! Ich verbrachte die folgenden Minuten damit, die nadeligen Kleinstäste (natürlich ohne Handschuhe) abzubrechen und auseinander zu ziehen, um mir einen kleinen Druchgang zu schaffen, durch den mein Kopf passt. „Da sitzt er.“ Der schwarze Finn sitzt am anderen Ende des Astes, an dem meine Leiter steht. Ich versuche ihn zu locken. Erst macht er ein paar zaghafte Schritte nach vorn. Dann ist ihm die Situation wohl doch suspekt und zieht sich in die Baumkrone zurück. Ich riß noch mehr Äste aus dem Baum um die kleine Öffnung zu vergrößern und quetschte mich bis hinein in die Baumkrone. Ich hielt mich am Ast fest, lehnte mich nach vorn und griff nach dem Kater. Nix. Finn zog sich weiter zurück. Alles gut zureden half nichts, der Kater hatte Angst. Nach einer guten halben Stunde kamen wir auf die Idee, das Tier mit Futter zu locken; runter vom Baum, Katzen-Knabber-Stängelchen holen und wieder rauf in die Baumkrone: „Finn, Hmmmmmnjamnjamnjam, Feiiiiiiin, Finn, Hmmmmmmmm…..“ Ich kann mir vorstellen, daß sich die umliegende Nachbarschaft hinter ihren Vorhängen schlapp gelacht hat, wie ich Baum hänge und versuche den Kater mit einer blödsinnigen „Ja-wo-isser-denn?“-Stimme zu locken. Die dicksten Äste des Baumes waren sternförmig angeordnet und bildeten genau über dem Stamm eine kleine Mulde, in die hatte sich der erhabene Kater nun zurückgezogen. Trotz allem miaute er kläglich. Wir hatten kurz darüber nachgedacht die Feuerwehr zu rufen. Aber was kostet das ganze dann? Und dann dieser riesen Aufriss; die Nachbarschaft würde sich sicher über einen Fensterplatz in der ersten Reihe freuen um einer vermeintlichen Katastrophe und deren Abwendung beizuwohnen und dann das: Die Feuerwehr holt eine schwarze Katze aus dem Baum. Im Zuge von nachbarschaftlichem Erfindungsreichtum liese sich im Katastrophenbericht aus der schwarzen Katze sicherlich eine Weiße machen, die vollkommen verkohlt vor einem Brand gerettet wurde, aber ich möchte der Fantasie meiner Mitmenschen hier nicht all zu viel Freiraum zugestehen. So entstanden früher die Sagen…

Es war mittlerweile 8 Uhr abends und wir hatten uns mit Freunden zum Essen verabredet. Mein Leiter haltender Nachbar hatte sich schon längst verabschiedet und viel Glück bei der Katzenrettung gewünscht – wir können es gebrauchen. Mein Angetrauter und ich verlassen nur ungern das Geschehen aber offenbar ist im Moment nichts zu gewinnen. Vielleicht hätte Finn ja bei unserer Heimkehr das Schnäuzchen voll und kommt uns freiwillig ein Stück auf dem Ast entgegen.?  2 Stunden später sind wir wieder da. Wir hatten einfach keine Ruhe. Bewaffnet mit einer Taschenlampe um den Hals und einer Packung Stängelchen klettere ich wieder in die Baumkrone. Es ist kurz nach 22 Uhr, noch kann ich den Kater erkennen. Manchmal kommt er näher, um sich dann doch wieder zurück zu ziehen. Langsam legt sich die Dämmerung übers Land denn auch der längste und wohlwollenste Sommertag geht einmal zu Ende. Ich leuchte in den Baum. Na toll, schwarzer Kater auf schwarzem Grund…! Da! Seine Augen glühen mich wie zwei Edelsteine aus der Baumkrone heraus an. Ich versuche mich nach ihm zu strecken, er schließt die Augen und ich verliere die Orientierung. Mittlerweile ist es stockdunkel. In der Baumkrone raschelt es. Finn hat seine Position gewechselt und zieht es vor, seine Augen geschlossen zu halten. Super. Ich kann leuchten wie ich will, der Kater bleibt verschwunden. „Wir haben heute keine Chance mehr, es ist zu dunkel.“ höre ich meinen Angetrauten am anderen Ende der Leiter sagen. Mist. Wir beschließen also die Aktion an dieser Stelle abzubrechen und unser Glück am anderen Tag nochmal zu versuchen. Eigentlich hat es Finn ja auch recht gemütlich in seiner Baummulde.

Die Nacht war haaresträubend. Aber offensichtlich nur für Frauchen. Von draussen hörte ich keinen Ton und auch mein Mann schien fest zu schlafen. Wir hatten das Schlafzimmerfenster offen gelassen um zu hören, ob sich im Baum was rührt. Hätte der Kater nachts angefangen zu miauen, wäre ich im dunklen rausgelaufen und hätte ihm gut zugeredet. Ich wälzte mich also im Bett hin und her und Punkt halb sieben, ein leichter Frühnebel lag über dem Tal, stand ich wieder im Garten:

„Finn?“

„Mau? Miiiiiiaauuuuuuu!“

Knack; ratter, ratter…. Ach du Schreck, die Nachbarschaft ist auch schon wach! Wir wollen doch den Rest nicht auch noch aufwecken zum heiligen Sonntag. Ich beschloß, lieber erst einmal Frühstück zu machen, die eine Stunde wird unser erhabener Kater jetzt auch noch im Baum verharren können.

Frisch gestärkt maschierten wir wieder raus. Die Leiter stand noch immer am Baum aber der Kater war wohl über Nacht nicht auf die Idee gekommen, sie zu benutzen. Na ja, wie den auch, als Katze. Obwohl, unsere Tabea hätte das sicher gekonnt… Weitere Versuche blieben erfolglos und so langsam wurde unser Geduldsfaden überspannt: „Mein Gott, er ist eine Katze! Wie schwer kann es denn sein, auf diesen verflixten Ast zu klettern und sich von Frauchen da runter pflücken zu lassen?? Wir hätten ihm die Tabea raufwerfen sollen,“ gibt mein Angetrauter zu bedenken, „die hätte dem Finn schon gezeigt, wie man von einem Baum klettert.“

„Wir knacken jetzt das Schloß vom Hundezwinger und stellen die Leiter von dort an den Baum. Das Tor liegt ohnehin mehr, als das es steht, da hat unser Nachbar sicher nichts dagegen. Das taten wir dann auch. Später am Tag beichteten wir unserem Nachbarn den Einbruch, der daraufhin nur lächelnd abwinkte. Die Leiter misst in ausgefahrenem Zustand 6 Meter, der Baum auch. An ein Anlehnen an den Baumstamm war trotzdem nicht zu denken, weil uns die Mauer vom Hundezwinger im Weg stand. Wir stellten also die Leiter nahezu senkrecht auf und konnten sie so mit dem oberen Ende gerade noch an einen dicken Ast anlehnen. Mein Angetrauter hielt die Leiter fest und ich kletterte mehr wackelig als mutig in Richtung Katze. Und dann ging alles sehr schnell: Ich lockte, Finn

kam näher und ohne weiter darüber nachzudenken streckte ich meinen Arm nach ihm aus und schnappte mir den Kater. Ich klemmte unseren Finn unter den Arm und kletterte ganz vorsichtig und Stufe für Stufe wieder vom Baum herunter. Die Katze war gerettet! Ohne Feuerwehr, ohne Blessuren, nur mit einer langen Nacht auf dem Baum.

Warum uns die Idee mit dem Schloß nicht eher gekommen ist? Das haben wir uns dann auch gefragt. Aber dieses Erlebnis würde dem Kater sicherlich eine Lehre sein, so schnell klettert er auf keinen Baum mehr. Denkste.

Etwa 2 Wochen später stehe ich im Garten und höre eine mir sehr bekannte Stimme:

„Miiiiiiiaaauuuuuuu!!“

Nee, oder?? Finn saß auf einem Ast des kleineren Baumes der neben dem Hundezwinger steht. Nach kurzen Lockversuchen machte mein Angetrauter kurzen Prozess: „Dann muss er es jetzt eben lernen!“; er holt den Gartenschlauch und bespritzt den Kater. Der versucht zuerst in den Baum zu flüchten aber da die Äste hier nicht all zu dicht sind gibt es für den Finn kein entrinnen und so sieht dieser seine einzige Chance darin, den Baum auf schnellstem Wege zu verlassen. „Na bitte, geht doch!“ Fortan haben wir unseren erhabenen Kater tatsächlich nie wieder auf irgend einem Baum gesehen.

Veröffentlicht von

rommyscats

Fünf bekloppte Katzen und eine verheiratete, vergessliche Dosenöffnerin Mitte 30 bloggen alle Unmöglichkeiten aus ihrem (Zusammen)Leben. Die Normalität versucht uns immer wieder einzuholen - aber wir sind schneller!

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